»Davon ich singen und sagen will«
Luther in Text und Musik

In diesem außergewöhnlichen Konzertformat agierten Lesungen und Musik nicht bloß nebeneinander, sondern vor allem miteinander. Text und Musik sind zu einer Symbiose gekommen, die das Zusammenwirken beider Elemente in Luthers Schaffen auf eindrucksvolle Weise aufzeigt.

Im Rahmen dieses Projektes wurde der Bockenheimer Komponisten Jonathan Granzow mit der Komposition eines neuen Werks für Sprecher und Chor beauftragt, das in diesem Konzert zur Uraufführung gekommen ist.

Mit Helge Heynold konnte ein erfahrener Sprecher, Regisseur und Redakteur gewonnen werden, der unter anderem durch seine Arbeit beim Hessischen Rundfunk sowie zahlreiche Hörbuchproduktionen bekannt geworden ist.

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Foto: Fotostudio Firlé
Jonathan Granzow (*1987 in Bielefeld) ist freischaffender Komponist, Dirigent und Musikpädagoge. Komposition studierte er an der HfMDK Frankfurt bei Prof. Gerhard Müller-Hornbach und Prof. Ernst August Klötzke. Er hat mehrer Chorstücke für das Luther-Projekt für accentus vocalis "maßgeschneidert" komponiert.
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Foto: Gabriele Heynold
Helge Heynold arbeitete als Regisseur und Redakteur beim Hessischen Rundfunk. Als Sprecher ist er für viele Hörbuchverlage unterwegs und tourt als Vorleser durch ganz Deutschland. Bei der Konzert-Lesung "Davon ich singen und sagen will" war er auch maßgeblich für das Konzept verantwortlich.
Mitwirkende

Helge Heynold | Lesung
Kammerchor accentus vocalis
Peter Scholl | Leitung
Evangelisches Frankfurt, 19. Oktober 2017

Von Stephanie von Selchow
Zwischen Ernsthaftigkeit und Innigkeit: Konzertprojekt zu Luther

Moderne Kompositionen, alte Lieder, verwoben mit Texten: Zum Reformationsjubiläum ersann Kantor Peter Scholl in der Bockenheimer Jakobskirche ein ungewöhnliches Format, um Martin Luther und sein Wirken dem Publikum nahezubringen.
Luther alias Schauspieler Helge Heynold hält seine berühmte, rhetorisch geschliffene, von tiefer Überzeugung getragene Verteidigungsrede auf dem Reichstag zu Worms und endet mit den Worten: „Daher kann und will ich nichts widerrufen, weil wider das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist. Gott helfe mir, Amen!“ Und plötzlich sitzt ein junger Chorsänger neben mir auf der Kirchenbank und singt mit reiner, klarer Stimme: „Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen.“ Und nicht nur neben mir. Immer mehr Sänger und Sängerinnen mischen sich unter das Publikum in der Jakobskirche und singen laut das berühmte Luther-Lied.
Das ist einer der genialen Momente in dem Konzertformat, mit dem der von Kantor Peter Scholl geleitete Kammerchor „Accentus Vocalis“ das Reformationsjubiläum in Bockenheim würdigt: Das Publikum wird zur Gemeinde, die Luther in seiner Überzeugung unterstützt. Die Zuhörerinnen und Zuhörer können gar nicht anders, als sich mit allen Sinnen in das Geschehen mit einbezogen zu fühlen.
Text und Musik stehen an diesem Abend im Oktober gleichberechtigt nebeneinander. Helge Heynold liest Auszüge aus Briefen und Tischreden vor, die Einblicke in Luthers Entwicklung vom jungen Mönch und Universitätsgelehrten über seine Auseinandersetzung mit dem Ablass und Verteidigung in Worms geben. Zur Sprache kommt sein tiefer Glauben an die Gnade Gottes, aber auch seine Zweifel, seine Übersetzungsarbeit und seine Liebe zu Musik.
Was die Texte auf der Verstandesebene ansprechen, unterstreichen Luther-Lieder wie „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“ oder „Mit Fried und Freud fahr ich dahin“ mit emotionaler Verve. Die unterschiedlichen Vertonungen von Mendelssohn-Bartholdy, Bach, oder moderner von Hugo Distler oder Volker Jaekel werden von dem A-capella-Chor unter Leitung von Scholl mit perfekter Leichtigkeit vorgetragen.
Ein Schwerpunkt sind die überraschenden Uraufführungen von Luther-Szenen, mit denen Scholl den Frankfurter Komponisten Jonathan Granzow beauftragt hat. Heynold liest vor, wie Luther sich gegen Vorwürfe verteidigt, er habe sich bei seiner Bibel-Übertragung zu weit vom griechischen oder hebräischen Urtext entfernt. Sehr witzig also, dass Granzow ausgerechnet jene Stelle aus Luthers Bibel-Übersetzung vertont hat, in der es heißt: „Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein, und wer einen Stein wälzt, auf den wird er zurückkommen.“
Musikalisch bildhaft ist auch die Umsetzung: Gesungen wird jeweils nur der erste Teilsatz „Wer anderen eine Grube gräbt“ und „Wer einen Stein wälzt“, der zweite Teilsatz wird dagegen ausschließlich musikalisch umgesetzt: Da klackert es abwärts, da fällt es zurück.
So gelingt diesem Konzertprogramm nicht nur einen Abriss über Luthers Leben und Wirken. Es hält auch die Waage zwischen der Ernsthaftigkeit und Innigkeit der Luther-Texte und einer humorvollen Leichtigkeit. Das liegt vor allem an der lebendigen musikalischen Darbietung und Spielfreude dieses Chors von ambitionierten Laiensängern und Musikstudentinnen. Und am Augenzwinkern des modernen Komponisten sowie einiger derb-komischer Passagen in Luthers Texten.
Siegener Zeitung, 23. Oktober 2017

Singen und sagen
accentus vocalis beeindruckte mit Luther-Szenen in der Barockkirche

ciu Daaden. "Ein feste Burg ist unser Gott..." Vorwärts drängend, schnell und ein bisschen in der Art des Pfeifens wieder die eigene Angst ist diese einzelne Stimme zu vernehmen. Doch sie bleibt nicht allein. Es kommen Männer und Frauen hinzu, die sowohl Melodie als auch den Inhalt mittragen. Sie treten gemeinsam ein für das Wort Gottes als Richtschnur, an der sich alles andere, was Glaube und Leben ausmacht, messen lassen soll. Und sie stehen auch für das "sola scriptura" und damit letzlich auch für das vierfache "Allein" des reformatorischen Ansatzes. Das ist stark, wie der Kammerchor accentus vocalis unter der Leitung des in Siegen geborenen Kantors Peter Scholl diesen Luther'schen Choral nicht nur hörbar in Szene setzt.
Am Samstagabend machte das junge Ensemble, das sich aus Sängerinnen und Sängern aus der Region und aus dem Frankfurter Raum (wo Scholl als Kantor arbeitet und an den Musikhochschulen Frankfurt und Mainz lehrt) zusammensetzt, auf seiner Konzertreise in der Daadener Barockkirche Station und beeindruckte mit "Davon ich singen und sagen will - Luther in Text und Musik" nachhaltig.
Den Rahmen für dieses Portrait des Reformators bildeten die Luther-Szenen, die der Chor bei Jonathan Granzow (Frankfurt) in Auftrag gegeben hat. Wort-Musik-Schlaglichter auf den Christenmenschen Luther, der etwas zu sagen hatte, etwas zu sagen wagte und solches dann auch sehr bewusst in kräftige, treffende Worte packte. So verschränkt sich etwa in "Psalm 92" das Ringen des Bibelübersetzers um die bestmögliche deutsche Wiedergabe des ursprünglichen Textes mit fugenartigem Gesang, werden zu Sprichwörtern gewordene Sprüche ("Wer andern eine Grube gräbt...") ironisch gebrochen, entsteht aus einem Bänkelgesang ("Ich komm aus fremden Landen her") ein grundernstes Thema, "Aus tiefer Not", das im Fortgang der Geschichte aufgegriffen und mit Auszügen aus der gleichnamigen Motette von Felix Mendelssohn Bartholdy ausgestaltet wird.
Der Mönch, der Reformator, der Dolmetscher, der Ehemann und Vater, der Beter, der Theologe, der Musikant, der erlösungsbedürftige Sünder - diesen Lebenskreis umriss das klug und wirkungsvoll zusammengestellte Programm stimmig. Der Schauspieler Helge Heynold las ausgewählte Texte Luthers (etwas aus den "Tischreden", aus Briefen, aus der Wormser Verteidigungsrede, das "Trostgebet im letzten Stündlein") und das engagiert, aber nicht exaltiert, sondern stets im Dienst des großen Ganzen. Das formte sich aus diesen Lesungen und aus dem Vermögen des Chores, sowohl die zeitgenössischen Werke oder Bearbeitungen (von Granzow, aber auch von Hugo Distler oder Volker Jaekel) als auch die Chorsätze von Johann Sebastian Bach oder Lukas Osiander zu einem Klangerleben werden zu lassen.
Schon mit dem "Kyrie" von Josquin des Préz, das eine Art Grundstimmung vorgab, riss das Ensemble mit seiner jungen, frischen, bewegten und bewegenden Art des Vortrags mit. Peter Scholl, dessen klanglich-interpretatorische Vorstellungen die Sängerinnen und Sänger wohltuend unaufgeregt umsetzten, zeigt mit accentus vocalis, was mit einem Kammerchor im Hier und Heute möglich ist. Das Publikum in Daaden hielt es am Schluss nicht mehr auf den Kirchenbänken und spendete lange und dankbar Applaus. Dem Wunsch nach einer Zugabem von Pfarrer Steffen Sorgatz formuliert, kam der Chor nach - mit Mendelssohns "Verleih uns Frieden gnädiglich". Auch das war: wunderschön!
Samstag, 14. Oktober 2017 | 20 Uhr | St. Jakobskirche Frankfurt-Bockenheim

Sonntag, 15. Oktober 2017 | 18 Uhr | Lichtenplatzer Kapelle Wuppertal

Freitag, 20. Oktober 2017 | 19.30 Uhr | Basilika Sankt Aegidius Mittelheim (Rheingau)

Samstag, 21. Oktober 2017 | 19.30 Uhr | Ev. Kirche Daaden

Sonntag, 22. Oktober 2017 | 18 Uhr | Ev. Kirche Wallau (Lahn)
Hinterländer Anzeiger, 23. Oktober 2017

„Davon ich singen und sagen will“
KONZERT „accentus vocalis“ und Helge Heynold erschaffen Klangcollage zur Reformation

Von Sascha Valentin. BIEDENKOPF-WALLAU Um das Werk Martin Luthers drehte sich das besondere Konzert „Davon ich singen und sagen will“, das der Kammerchor „accentus vocalis“ in der evangelischen Kirche in Wallau gegeben hat.
Die Idee des Programms war so einfach wie wirkungsvoll: Lieder, deren Texte zum Teil aus der Feder Martin Luthers stammen, wechselten mit Lesungen aus den Schriften des Reformators ab. Neben dem Kammerchor war dabei Helge Heynold zu hören. Der professionelle Sprecher, der auch fürs Radio arbeitet, verstand es, dem Publikum die Texte Luthers akzentuiert zu vermitteln. So zitierte Heynold aus den Tischreden Luthers, aus diversen Briefen, beispielsweise an den Erzbischof Albrecht von Mainz. Oder er gab Martin Luthers Gedanken „über die Musik der großen
Niederländer“ wieder.
Eine besondere Wirkung erzielte Heynold mit der Verteidigungsrede, die Martin Luther auf dem Reichstag zu Worms gehalten hat. Denn diese Rede bringt Luthers Gedanken zur Reformation der Kirche auf den Punkt und zeigt, wofür Luther zu seiner Zeit kämpfte.
Ebenso überzeugend wie die ausgesuchten Texte waren die Lieder, die der Kammerchor vortrug. Die Sängerinnen und Sänger von „accentus vocalis“ kommen aus dem Raum zwischen Siegen, Frankfurt und Würzburg und boten in der Wallauer Kirche eine meisterliche Leistung.
Luthers wohl bekanntestes Lied „Ein feste Burg ist unser Gott“ durfte dabei ebenso wenig fehlen wie sein „Vater unser im Himmelreich“, das Johann Sebastian Bach vertont hat, oder auch verschiedene Psalmen.
Neben Kompositionen alter Meister, die Luthers Texten ein klangvolles Gewand gaben, sang der Chor auch moderne Werke. Auf dem Programm standen mehrere Stücke, die der 1987 geborene Komponist Jonathan Granzow speziell für dieses Programm geschrieben hat. Dazu gehörte die Vertonung des Psalms 92, der Luthers Gedanken beim Übersetzen der Bibel wiedergibt, aber auch das geniale Eingangsstück, das dem Programm seinen Namen gab.
Dazu stellten sich die Sängerinnen und Sänger an verschiedenen Plätzen in der Kirche auf, trugen verschiedene Lieder und Bibelstellen vor und vermittelten dem Publikum dabei den Eindruck, als befände es sich auf einem mit vielen Menschen gefüllten Marktplatz, auf dem ein Gewirr an Stimmen auf sie einprasselt. Ein akustischer Effekt, der dem gelungenen Konzert die Krone aufsetzte.